Mein außergewöhnliches Erlebnis
Diesen Morgen hatte ein Gott gemalt. Zwar glaubte und glaube ich nicht an Götter, aber das Bild passte so gut zu der überirdischen Schönheit der Natur vor meinem Fenster, dass iches einfach annahm. Kräftig gewachsene Kastanien standen in einem dichten, wie schwatzenden, Grüppchen und schimmerten mitverrosteten Blättern im goldenen Licht eines kühlen Morgens. Blau und klar war die Luft, die zu mir hereinwehte, schwarz die Vögel, die sich auf der Stromleitung sammelten, die das schöne Bild der Natur vor mir mit dem Gedanken an Technik durchzog. Herbstlaub raschelte in gelb und braun. Grün und saftig stand nur das Gras und eine Tanne mitten in einer Wiese. Alles sonst trug das Kleid des Verfalls. Mit ungewohnter, ja eigentlichgrundloser, Fröhlichkeit verlies ich mein Zimmer, dann das Haus und ging auf einen Spaziergang. Tief sog ich sie ein, diese frische, lebendige Luft und tiefer noch den Anblick von brauner Erde abgeernteter Felder, diesich zum schwarzen Zaun des Waldrandes hinzogen, und den Anblick des Feldwegs vor mir, der sich mit Grasspalier auf diesen Zaun zuschlängelte.
Meine Glieder, meine Haut atmeten die Ahnung des nahenden Winters und waren froh dabei. Rasch ging ich und bald wurde mir warm. Freudig schritt ich weit und kraftvoll aus,genoss das unsichtbare Rot auf meinen Wangen und freute michallein am Umstand lebendig zu sein. So heftig ging ich, dass ich alsbald vorwärts hastete und die Landschaft nicht mehr bewusst erlebte und genoss. Sie bliebmir als Hintergrundmusik, während ich in Gedankenfluss versank,in ziellosem Herumdenken. Weit ging ich und bemerkte es erst, alsich den Schatten des Waldes erreicht hatte. Wie eine Maürstellte sich das Nadelholz dem Felde entgegen. Mit einem Male betrachtete ich den mir gut bekannten Wald, der sich vor mir hinzog, mit Trauer. Es fehlte ihm die Lust, die Natur. Er war einfach ein Nutzwald und nicht der geheimnisvolle Märchenwald meiner Kindheit. Er war tot oder starb gerade, ein bedauernswertes Produkt menschlicher Einmischung. Trotzdem lockte er mich. Es lockten die braunen Nadelpfade, die sich ins Dunkelwanden, ins Unergründete, an deren Ende ein Geheimnis liegen mochte oder die vielleicht nie ein Ende fanden.
Die Pfade versöhnten und trösteten mich. Sie ersetzten die mangelnde Magie des Waldes, sie boten Platz für Phantasie und Spekulation.Wer hatte die Pfade getreten? Wer beging sie? Liebende oder sterbende, gesunde oder kranke, glückliche oder traurige Menschen? Und wieso? Und immer die Frage nach dem Grund. Ich grübelte so und betrat dann einen dieser schmalen Pfade, ohne eine Antwort für den zu hinterlassen, der wie ich am Waldrand stehen bleiben würde, ehe er die Pfade betrat, der sich die gleichen Fragen stellen würde, wie ich sie mir an diesem Tage gestellt hatte. Dunkel schloss sich das Gehölz zu einem Dach, so eng und gedrängt war es und liess keinen Platz mehr für Fragen. Nackt standen die rötlichen Stämme der Bäume in spärlicher Vegetation, die endgültig an Nadelleichen zu ersticken oder am Lichtmangel zu verdursten drohte. Es war ein neuer Pfad, den ich beschritt, denn so sonderbar sonnig war meine Laune, so köstlich und besonders, dass es mir ein Frevel gewesen wäre, gewohnte Wege noch breiter zu treten. Wurzeln stellten sich vor meine Füsse, doch mechanisch überschritt ich sie, ganz in Gedanken, ganz in Bilder vertieft, die an meinem inneren Auge vorbeizogen,und ohne Blick für meine Umgebung, aber wohl des starken, frischen Duftes bewusst, der sich in meine Nase legte.
Lange ging ich, wie lange weiss ich nicht mehr. Da fand der Pfad ein jähes, von mir noch gänzlich unbemerktes, Ende. Weiter schritt ich, doch stutzte ich bald über die Weichheit des Untergrundes und die Helligkeit und blickte auf. Ich stand am Rande einer Lichtung über der ein leuchtend blauer Himmel wie eine Haut aufgezogen war. Gras und späte Blumen lagen zu meinen Füssen. Man hätte denken mögen, es sei Sommer. Doch dann fiel mein Auge auf etwas hölzernes, ja auf viele hölzerne Gebilde, die aus den grünen Halmen grau herausragten und gross war mein Erstaunen, als ich erkannte, dass es Kreuze waren, die hierstanden wie vergessene Spielzeuge. Die Namen an den Kreuzen waren lang verblasst, das erkannte ich bald. Spröde war das Holz,rostig tragende Nägel. Aber ein System liess sich erahnen und sowar ich überzeugt, dass dies ein alter Friedhof sein musste, nicht Werk eines Menschen oder einer Familie, sondern vieler Menschen, Raststätte für viele Verwandte und doch längst vergessen.
Lang stand ich und schaute, bis mir ins Bewusst eindrang, dass unter mir Gebeine waren, dass unter meinem Fuss einfremder Fuss liegen mochte, getrennt nur von ein wenig Erde. Und ich fühlte Angst, die mir im Nacken prickelte. Ich fühlte mich als Eindringling ins Reich der Toten, ins Reich der fahlen Holzkreuze und wollte umkehren, den Pfad wieder zurückgehen, weg von diesem Ort mich wenden und nicht länger diese fremde Ordnung stören. Doch als ich mich umwandte, sah ich auf dem Pfade einen jungen Mann stehen, der mir zulächelte. Er war sehr gross, viel grösser als ich, doch machte ihn die Grösse nicht plump, sondern fügte sich zum Eindruck katzenhafter Eleganz. Fein und lang waren seine Glieder, markant das schmale Gesicht mit dem weichen, sinnlich geschwungenen Mund,der geraden Nase und den hellen, kindlichen Augen, aus denen ein frohes Gemüt funkelte.
Wild wanden sich schwarze Locken um sein Gesicht, das mich so strahlend anlachte, dass ich nicht anders konnte, als zurück lachen. Seltsam beglückt fühlte ich mich, seltsam verwandt mit diesem Fremden. Weiter ging ich auf ihn zu und auch er kam mir entgegen. Weich und fliessend war sein Gang,ein vollkommenes Schauspiel, das mein Herz seltsam berührte. Kurz voreinander blieben wir stehen und als sei das das Signal zum Sprechen, richtete er das Wort an mich mit seiner vollen, tiefen Stimme, die klar zu mir herunter schwebte. "Ist es nicht ein Jammer,", sagte er,"dass all die Geschichten, die in den Köpfen dieser Gebeine hier hingen verloren sind ? Dass all die Anekdoten vieler Leben ausgelöscht sind und mit den Menschen sterben mussten? Es ist ein Frevel!" Er sah mich mit einem Seufzer an und sein Blick drang tief in mich, doch überschattete die Traurigkeit nur kurz das funkelnde Grün dieser fröhlichen Augen. Passende Worte fehlten mir und so nickte ich nur, ganz einverstanden mit dem vorgetragenen Gedanken.
"Dass keiner dieser Menschen", fuhr er fort," eine Geschichte in sich trug, die so brannte, dass sie selbst der Seele nach dem Tode keine Ruhe gönnte, keiner eine Geschichte kannte, die schrie und drängte aufgeschrieben zu werden. Wieviel Weisheit und Lebenserfahrung liegt hier und verwest unartikuliert und somit ungehört?" "Ach!", rief ich, denn ein neuer Gedanke war mir in den Sinn gekommen. Und weiter dachte ich: "Wenn alle Geschichten der Toten vor den Särgen aufgeschrieben würden, wie viele wären das! Wer könnte das noch alles lesen, wer sich daran erfreuen ? Und ist nicht eine ungelesene Geschichte vollkommen wertlos, fehlt der nicht der Sinn zur Existenz ? So erzählen die Lebenden ihre Geschichten Freunden und so lebten die Geschichten mit dem Menschenleben, mit der Erinnerung Einzelner und ohne Papier.
Aber sie lebten. Und sie starben auch. Die guten,spannenden, innigen, komischen Geschichten mögen lange aushalten, doch irgendwann sind auch sie gestorben, weil niemand mehr sich ihrer entsinnt." So dachte ich, doch ich sprach nichts weiter als dieses "Ach!" und doch hatte ich damit alles ausgedrückt, was mich in diesem Augenblick erfüllte. Der Mann schien auch vollauf befriedigt. "Komm!", sagte er und ich kam ihm nach,folgte ihm zu einem umgestürzten Baumstamm, der in der Wiesewohl verborgen lag, und setzte mich neben ihn. "Wie heisst Du?", fragte er nach einer kurzen Weile, die wir uns schweigend in die Augen gesehen hatten. "Aurora", sagte ich ohne Zögern und log dabei.
Doch kein schlechtes Gewissen erwachte. Die Lüge war Wahrheit und richtiger noch als sie. "Ich bin Sebastian." Er lächelte sein Knaben lächeln, das vortrefflich zu diesem Namen passte. Doch widersprach sein Körper, der wohl schön und fein war, aber auch stark und männlich. Die toten Beobachter hatte ich längst vergessen, als ich meine Hand streckte und dem Fremden über die feste Schulterstrich. Sogleich spürte, wie es in ihm unter meiner Berührungzu arbeiten begann, wie es zu glühen anfing durch meine Liebkosung. Und auch ich fühlte eine ungewohnte Aufregung und Erregung, dass mir der Mund ganz trocken wurde und ich ihn mit meiner Zunge befeuchten musste. Vielleicht durchbrach diese Bewegung seine angespannte Starre, vielleicht war auch der Drang zur Tat übermächtig angeschwollen, doch er umfasste mich glühend mit starken, geschmeidigen Armen, zog mich zu sich und liess sich zu mir ziehen.
In einem warmen, feuchten Kussverschmolzen unsere Lippen, als wir langsam hinsanken ins Gras und uns mit tastenden, sanften Bewegungen entkleideten. Weich war seine Haut unter meinen Fingern und gut fühlte sich das Spiel seiner Muskulatur an der meinen an. Lüstern und gierig tranken wir von unseren Lippen und erforschten gegenseitig unsere Leiber,ehe wir verschmolzen und uns glühend, heftig und genussvoll liebten und liebkosten. Inmitten dieser Totenwelt taten wir, was den Menschen am lebendigsten macht, ja woraus eigentlich das Leben entstand und sanken uns dann glücklich und berauscht in die Arme. Lange noch streichelten und befühlten wir uns wie Blinde, ehe wir eng umschlungen einschliefen. Als ich erwachte hing der Abend bereits in der Luft. Nebel war aufgezogen.
Die Wiese war feucht und kalt. Fröstelnd sah ich mich nach Sebastian um. Er lag zusammengerollt etwas entfernt an meiner Seite und schlief mit unsäglicher Zufriedenheit im Gesicht, als läge er im gemütlichsten Bett, die mich wie seine Gestalt an die einer Katze erinnerte, einer Katze, die am warmen Herdfeuer nach reichlicher Mahlzeit sich streicheln liess und döste. Ich tastete nach meinen Kleidern, die alle durchfeuchtet waren und zog mich rasch an. "Nur den Geliebten nicht wecken, nur schnell fort!", so dachte ich mit plötzlicher Eindringlichkeit. Als ich angezogen war und stärker fror als zuvor, bedeckte ich den Schlafenden mit seinen Kleidern, hauchte ihm einen zarten Kuss auf die Wange, dass er im Schlaf sich regte und lächelte, und betrat dann den Pfad, um zurück zu gehen.
Am Weg blieb ich stehen und warf einen Blick zurück auf die Lichtung im Abenddunkel, das die Holzkreuze vollkommen verschlang. "Liegt wohl, ihr Toten!", sagte ich."Was sind mir eure Geschichten, wo doch das Leben immer neue schreibt und bessere? Was sind sie mir, wenn sich Gleiches immer wiederholt ?" Ich musste lächeln, dann lachen und lachend schritt ich zurück durch die schnell stürzende Dämmerung, kaum wahrnehmend, dass ich fror und eine Gänsehaut mich überzog, noch ganz verzaubert von den Geschehnissen auf der Lichtung.Glücklich und traurig war ich über das Wissen, dass eine Wiederholung unmöglich war, dass das Erlebnis einzigartig und kostbar in meinem Herzen immer lebendig bleiben würde. An Sebastian dachte ich nicht. Vor meinem Hause blieb ich stehen und blickte durch nun vollkommene Dunkelheit in Richtung des Waldes.
Fast schien es mir, als spürte er meinen Blick und schimmerte wie zwinkernd kurz silbern vor meinen Augen auf. "Es ist ein Märchenwald, wenn man es will.", sagte ich und wandte mich lächelnd um, um ins Haus zu gehen, nicht mehr die Selbe, die ich war, als ich ging, doch nicht verändert, nur reicher. Ich war glücklich, dass es noch Märchen gab.
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